Nie wieder Krieg ohne mich? - Nie wieder Krieg - ohne mich!


Ja, der Titel klingt verwirrend und soll zum Nachdenken anregen. Es geht darum, dass ich überlebt habe, einen echten Krieg überlebt. Wir, die Generation der Kriegskinder, der vaterlosen kleinen und großen Straßenrowdies, der Buntmetall klauenden Ruinenstromer und ewig Hungrigen, wir, die Jahrgänge zwischen 1938 und 1947 sind die letzten Zeugen, die sagen können, was Krieg und Nachkrieg bedeutet.
 Wir waren Bombenziele und Kinder ohne Zukunft, denn wir lebten von einem Tag auf dem anderen. Meine Generation ist vom Krieg gezeichnet, physisch und psychisch, eine Generation der vermännlichten Mütter, eine Generation ohne Väter, eine Generation des Hungers und der Entbehrung. Das durchlebte Leid hat sich an uns geheftet und wir mussten damit leben, um leben zu können. Und es hat uns stark gemacht. Wir haben verzweifelt das Glück gesucht und die Liebe, die wir lange entbehren mussten, wo wir sie am meisten gebraucht hätten. Nur wir Kinder waren vielfach der Grund, dass unsere Mütter unter Bomben und Entbehrungen, unter Verlust der Liebsten überhaupt noch weiterleben wollten. Diese vaterlose, männerlose Gesellschaft war erfüllt von einer großen Leere für die Kinder und die Frauen. Die Frauen vermännlichten, wir Kinder verwahrlosten. Die Opfer der Kriege sind nicht, die nach Kriegstüchtigkeit schreien und an Rüstung verdienen, sondern überall Frauen und Kinder.

Nun, da der Aufruhr des Lebens hinter mir liegt, nun, wo die Zeit meines Herzschlages  absehbar ist, hatte ich das Buch geschrieben "Ich Bombenziel - Krieg tötet Liebe", aus dem ich Gedanken wiedergebe.

Episoden der Erinnerung eines Lebens als Berliner  Kriegskind und Jugendlicher in der DDR, das ich hier in Ahrensfelde geschrieben habe . Wie es wirklich war.

Ich war zwar erst fünfeinhalb. Doch ich merkte bald, dass Sprachen recht nützlich sind. Bei den Russen am Teutoburger Platz lernte ich „da“ für „ja“ sagen und „charoscho“ für „gut“. Und wenn ich erzählte, dass mein Vater Kommunist gewesen war, bekam ich einen Schlag mehr Grütze aus der Feldküche und ein Baton Brot, was so viel wie ganzes Brot bedeutete. Welch ein Schatz. Ich ließ das Brot durchschneiden, höhlte es in der Mitte zu beiden Seiten aus und da es recht klebrig war, schob ich die beiden Enden wieder zusammen. Das brachte mir jedes Mal eine gehörige Ohrfeige meiner Mutter ein, aber dafür knurrte mir der Magen etwas weniger. Um satt zu sein und den Schellen zu entgehen, aß ich also oft die eine Hälfte auf und berichtete weinerlich, dass ich nur ein halbes Brot von diesen verdammten Iwans bekommen hätte, was zwar einige Zweifel auslöste, aber ich hatte so lügen und mit gewissem Talent auch schauspielern gelernt, dass ich damit gut zurechtkam.

Ich hatte immer Hunger, schlang alles blitzschnell herunter und lies nicht das kleinste Krümelchen zurück. Und obwohl ich alles wegputzte, hatte ich immer noch Hunger. Ich dachte oft nur ans Essen und es gab eine Zeit, da habe ich sogar von Brot geträumt. Ich spürte im Schlaf, wie Hungerkrämpfe in meinen Därmen tobten. Und wenn ich bettelnd meinen Henkeltopf, den mir meine Mutter Lenchen aus einer Granatenhülse gelötet hatte, den Russen an der Feldküche hinhielt, sagten sie: „bednij maltschik.“ Mir lief schon zwei Straßenecken vor der Russenfeldküche die Spucke im Mund zusammen.

Der Krieg, zumindest mit Bomben und Schießerei war zu Ende, aber für mich, meine Geschwister und Freunde noch lange nicht. 

Ich (links) mit meinen Geschwistern Peter und Monika (ganz rechts)

Er knurrte in unseren Mägen, zeigte sich in den Läusen in den Haaren und mit der Krätze auf der Haut oder an unseren losen, schlechten Zähnen. Auch an unseren dünnen Beinen, die aussahen, wie ein Storch auf der Wiese. Ich hatte wie die anderen noch nie einen Storch gesehen, die waren wohl alle abgeschossen worden und in den Kochtöpfen gelandet, aber wir mussten unsere Kniestrümpfe mit Gummis festhalten, damit sie nicht rutschten, so dürre waren wir. Keuchhusten, Masern und Schlimmeres waren unsere Begleiter, weil wir so spack waren und blass wie Leute, die tot waren. Wir hatten so viele Tote gesehen nach Bombenangriffen und in den Ruinen. Der Tod begleitete uns im Heranwachsen und ich hörte einmal eine alte Frau kopfschüttelnd sagen, dass wir eine verlorene Generation seien, die verlernt hätte, zu trauern. Ich hatte das nicht verstanden. 

Weil die Russen von weit herkamen, aus Sibirien oder so, dort,  wo vielleicht  auch mein Vater war, fragte ich herumirrend zwischen den Soldaten immer wieder: „Weißt Du, wo mein Vater ist?“ Es hätte doch sein können, dass sie meinen Vater dort getroffen hätten und ich hätte auch gewusst, warum er noch nicht nach Hause kommt, weil der Krieg doch schon mehr als ein Jahr zu Ende ist. 

Wir waren unschuldige und unbeteiligte Opfer eine verbrecherischen Krieges, den Deutschland in die Welt getragen hatte. Wir waren voller Hoffnung, Hoffnung auf Frieden, dass der Vater wiederkehrt, was sich nicht erfüllt hat. Wir waren voller Sehnsucht nach einer besseren, friedvollen Welt und Zeugen der Sinnlosigkeit von Kriegen. 

Und daraus habe ich für mich die verdammte Pflicht und Schuldigkeit abgeleitet, so lange ich lebe, die Wahrheit über Kriege zu erzählen, für Frieden einzutreten, allen Irren und unheiligen Allianzen der Kriegswilligen und Kriegsvorbereitern zum Trotz und als Kampfansage, jenen, die von Kriegstüchtigkeit schwadronieren und zum Krieg rüsten, mit Worten und Taten, ob von der Tribüne des Bundestages oder im sogenannten öffentlich-rechtlichen Propaganda-Fernsehen für intellektuelle Degeneration und die Militarisierung der Köpfe. Seit Monaten warnen Politiker und Militärs bei uns davor, dass Russland uns bestimmt angreifen wird. Sie können nur nicht das genaue Datum sagen, wann genau das passieren soll: 2029, 2030, 2031 oder vielleicht 2032? Aber sie sind sich sicher, diese Kriegspropheten. In Wirklichkeit wissen sie nichts, absolut nichts. Umso mehr verbreiten sie Angst und schüren Kriegshysterie in Deutschland. Und die Russen? Sie bieten internationale Verträge an, keinen EU-Staat anzugreifen. Auch nur Propaganda?

Krieg, werte unfriedliche Bundesregierung, ist die dümmste und gefährlichste aller Konfliktlösungen. Und unser Grundgesetz, auf das sie alle zwar zumeist auf die Bibel geschworen haben, aber dennoch mit Füßen treten, ist nicht umsonst eine Friedensverfassung, von der Präambel bis zum letzten Artikel. Wenn ich das Verdummungsfernsehen anschalte und die kriegswilligen Propagandareden und den Schwachsinn der Politiker im Bundestag höre, da bleibe ich nur mit Mühe sachlich, kritisch und optimistisch, wie immer. 

Fotos: Autor, privat, Montage Overton Magazin 



Beliebte Posts aus diesem Blog

Wer fragt, der lernt, oder es ist Hopfen und Malz verloren (Achtung Satire)

Nur Ungereimtheiten um den geplanten Anbau für den SV 1908 "Grün-Weiß Ahrensfelde?

Neues aus der Provinz -was sonst noch passiert - diesmal in Lindenberg