Bücher sind Schiffe, die die Weiten von Zeit und Raum durcheilen
Wie könnte ich, ein Schriftsteller, am UNESCO Welttag des Buches (23. April) nicht eine Lanze für das Buch brechen? Allen Zweiflern versichere ich, Bücher werden als physische Objekte überleben. Auch, weil sie ein einzigartiges sinnliches Erlebnis sind, der Geruch von Papier, das Rascheln der Seiten und eine emotionale Verbindung zum Autor herstellen, alles, was die digitale Medien nicht ersetzen können. Sie sind ganz praktisch gesehen unabhängig von Energie, fördern die Konzentration, dienen als geschätzte Sammlung und sind fester Bestandteil der Kultur aller Völker. Ich erinnere mich noch an Worte von Victor Hugo auf einer Tafel in der Bibliothek der von Leibniz und Peter I. gegründeten Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg, auf der stand in französischer, russischer und deutscher Sprache: "Die Erfindung der Buchdruckkunst durch Johannes Gutenberg ist das größte Ereignis der Weltgeschichte!" Das Gebäude der Bibliothek der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg, in dem die Hälfte aller naturwissenschaftlichen Werke vor 1917 in deutscher Sprache und von deutschen Wissenschaftlern aufbewahrt werden.
Heinrich Heine, einer der bedeutendsten deutschen Dichter, Schriftsteller und Journalisten, der mir von allen der Liebste ist, drückte es so aus: „Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste." Ich weiß noch, wie ich mein erstes Buch in den Händen hielt. Es war eines meiner aufregendsten und glücklichsten Erlebnisse und ich war den Tränen nahe. Heute sind es 25 Werke und sie sind in aller Welt erhältlich, auch weil Goodreads, das größte Internetportal für Literatur der Welt, sie listet, von Hugendübel, Thalia, Mein Buch und vielen anderen einmal abgesehen. Aber das erste Buch ist das Wichtigste. Sein Titel war, ist "Sibirischer Sommer".
Ja, so schlecht kann das Manuskript also nicht gewesen sein, denn ein westberliner Autor klaute mir den Titel und der ARD-TV Journalist Bednarz reiste genau meiner Route nach, interviewte die gleichen Leute. War das schon Plagiat? Die sowjetische Regierungszeitung "Iswestija" druckte übersetzt Auszüge, für ein paar Rubelchen, die ich später gut für meine Reise zum Kältepol der Erde nach Oimjakon gebrauchen konnte.
Und das Bändchen entstand aus auch Trotz und Furcht. Margot Honecker wollte die Konzeption meiner geplanten Dissertation politisch umgestalten. Dagegen protestierte ich gefährlich kühn wie recht naiv. Um allem folgenden Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen, floh ich feige so weit ich konnte. Da kam mir eine Einladung des sowjetischen Journalistenverbandes nach Sibirien gerade recht. Und die Erlebnisse im Land der Schlafenden Erde, wie die Ewenken ihr Land nennen, waren so gewaltig, dass aus dem Tagebuch ein Buch wurde, das sogar der renommierte Brockhaus Verlag druckte.
In der Weltbühne erschien eine wohlwollende Rezension und der russische Botschafter in der DDR, Pjotr Abrassimov, schrieb mir freundliche Dankesworte. Herz, was willst du mehr! Einen Haken hatte die Geschíchte mit meinen Nachbarn. Der Verlag, erfreut, dass die Auflage in zwei Wochen vergriffen war, bot mir die kleinste fünfstellige Honorarsumme an oder einen Trabant. Ich entschied mich natürlich für den Sachsenporsche aus Plaste. Aber die Nachbarn, die schon etliche Jahre auf den Trabant warteten, wussten, dass ich keine Anmeldung für den Trabi hatte, und gingen auf Distanz. Bis ich ihnen das Wunder erklärt hatte.
In der DDR wurde am 10. Mai der Tag des Buches gefeiert, im Andenken und Gedenken an den Tag, als 1933 auf dem heutigen Berliner Bebelplatz der faschistische Mob 20.000 Bücher der besten deutschen und jüdischen Kultur verbrannte, auch die von Heinrich Heine.
Und der hatte in seiner Tragödie "Almansor" 1823 beinahe hellseherisch geschrieben: "Das war nur das Vorspiel, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen."
Das habe ich im belorussischen Dorf Chatyn erfahren können, wo die faschistische deutsche Wehrmacht am 22. März 1943 ein ganzes Dorf mit 140 Frauen, Kindern und Greisen viehisch verbrannt hat. Nur der Schmied Kaminskij und zwei Kinder überlebten. Das war fast auf den Tag vor 83 Jahren.
Das Dorf wurde nie aufgebaut, als Mahnstätte, auch für die, die bei uns für einen Krieg wieder gen Osten rüsten was das Zeug hält, die auf ewig in Russland unseren Feind sehen und die uns kriegstüchtig machen wollen. Als ich damals in Chatyn war, ragten nur noch die Schornsteine der Öfen aus dem Schutt. Heute sind dort steinerne Rechtecke, wo Häuser standen. Nichts war mehr von den Katen und den Menschen geblieben. Ihre Asche ist verweht. Hier haben die Faschisten gehaust, getreu dem Merkblatt für deutsche Soldaten: "Du hast kein Herz, keine Nerven, denn im Krieg braucht man
sie nicht. Vernichte in dir Mitleid und Mitgefühl, töte jeden Russen, jeden
Sowjetischen, halte nicht ein, wenn vor dir ein Greis oder eine Frau, ein
Mädchen oder ein Junge sind, töte, so rettest du dich vom Tod, sorgst für die
Zukunft deiner Familie und wirst für immer berühmt." Und so gab es allein in Belorussland 186 dieser sogenannten Feuerdörfer.
Und wie sich die Bilder gleichen: In der Ukraine, die unsere Werte zu verteidigen vorgibt, so jedenfalls unsere Medien und Politiker, brennen schon wieder Bücher oder sie werden zu Klopapier für die Truppen verarbeitet. "Russische Literatur zu Altpapier" heißt eine Aktion.
Tolstoi, Puschkin, Dostojewskij, und Tschechow, auch die Literatur-Nobelpreisträger Scholochow und Pasternak, ja sogar die ukrainischen Dramatiker, Poeten und Autoren wie Gogol, Hontschar und Schewtschenko. Dabei legte das literarische Werk des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko den Grundstein zur Schaffung der modernen ukrainischen Sprache und Literatur. Er trug zum Erwachen des ukrainischen Nationalbewusstseins bei. Wer nun genug dieser Bücher abliefert, bekommt gratis eine Biografie des Faschisten Bandera. Millionen Schulbücher und wissenschaftliche Literatur in russischer Sprache landen so in den Öfen von Wärmekraftwerken. Ich erspare mir da jeden weiteren Kommentar.
Natürlich bin ich nicht nur ein Schreibender, sondern auch ein Bücherfreund, ein Büchernarr, eine Leseratte, ein Bücherwurm. Nun habe ich ein paar Romane, Erzählungen und Gedichtbände geschrieben, und damit viel über mich preisgegeben, meine Reisen durch Europa und Asien, meine Erlebnisse, mein Wissen und meine Gefühle und das teile ich mit meinen Lesern.
Denn wir alle haben eine Art Heimweh nach einer anderen, besseren, menschlicheren Welt. Ich übe nun schon seit Jahrzehnten den schönsten Beruf aus, der zu mir passt, denn ich liebe das Leben und Träumen, zwischen Welten und Zeiten und Räumen.
Und obwohl das Schreiben von Büchern eine wahnsinnige Schufterei ist, schöpferisch, anstrengend und monatelang in vielen Nächten bei so manchem Glas Rotwein. An der international beachteten Trilogie über den russischen realistischen Maler Ilja Repin und die Vorgänge am Zarenhof in der Zeit des Lebens des europaweit geschätzten Künstlers aus Tschugujew, wo jetzt Krieg herrscht, habe ich ganze zehn Jahre geschrieben. Zusammen 832 Seiten, also umgerechnet 2 Zeilen am Tag. Und ich werde weiter schreiben, bis mir die Feder aus der Hand fällt nach meinem Wahlspruch, keinen Tag ohne eine Zeile, sachlich, kritisch und optimistisch wie immer.
Fotos: Autor (4), Zeitgeschehe, Archiv "Wochenpost", Augusta Verlag Loesch
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