Ja, es ist ein Tag der Arbeit und wenn es auch paradox kling, weil es ein Feiertag ist, mühsam in Klassenkämpfen errungen. Nun soll aber dieser Feiertag wie auch seine Errungenschaft, der Achtstundentag, nach dem Willen der CDU abgeschafft werden, weil wir mehr arbeiten müssen, um unseren Wohlstand zu erhalten. So tönt jedenfalls der BlackRock-Kanzler Merz. Hatten die SPD-Genossen nichts gegen die Flexibilität der Arbeitszeit, also die Abschaffung des Achtstundentages, so war der SPD-Spitze, die sonst allen politischen Tricks und sozialen Unanständigkeiten der Christdemokraten treu mitgemacht hat, die Streichung des 1. Mai als Feiertag nun doch zu viel. Es wäre vielleicht auch der Gnadenschuss der einstigen Volkspartei bei den kommenden Wahlen in den Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern gewesen. 
Der 1. Mai, das ist kein Nostalgiedatum der Proletarier aller Länder. An einem damals regulären Arbeitstag, dem Samstag, 1. Mai 1886, demonstrierten Tausende von Arbeitern in Amerika. Ihre Forderung war der Achtstundentag. Diese Welle der Streiks, Kundgebungen und Demonstrationen rollte durch viele Staaten in Übersee. Und sie erfasste auch Europa und Australien. Das war die Geburtsstunde des Tages der Arbeit. Viele Proteste wurden blutig niedergeschlagen, es gab Todesopfer und Verletzte. Wie später bei uns 1929, dem sogenannten "Blutmai", kein Ruhmesblatt unserer Geschichte und der Genossen der SPD.
Die Kommunistische Partei hatte in Berlin zum 1. Mai zu einer friedlichen Demonstration aufgerufen. Sie wurde durch den SPD-Polizeipräsidenten Zörgiebel verbotenen. Um das Verbot durchzusetzen, ging die Polizei, 13.000 Mann waren in Berlin in Bereitschaft, äußerst brutal vor und es kam im Wedding, in Neukölln und im Prenzlauer Berg zu Barrikadenkämpfen. Die Polizei ermordete mehr als 30 Demonstranten und verletzte 250 Bürger.
Zur Person Zörgiebel, dem SPD-Genossen, der am 1. Mai den Feuerbefehl auf friedliche Demonstranten erteilte, noch ein Dokument: Das sozialdemokratische Zentralorgan „Vorwärts“ teilte am 5. November 1930 folgendes mit: „Genosse Zörgiebel, der in den einstweiligen Ruhestand tritt, gewiß aber bald einen seinen hohen Verdiensten und Fähigkeiten entsprechenden Wirkungskreis finden wird, hat sich während der Jahre seiner Berliner Wirksamkeit in den weitesten Kreisen der Bevölkerung Achtung und Sympathie erworben. Wer sein Wirken aus nächster Nähe zu verfolgen Gelegenheit hatte, weiß, daß Menschlichkeit und der Wille zu helfen und zu schützen stets seine leitenden Gesichtspunkte waren.“ Nach diesem "Marschall vom Vorwärts", wie Karl Kraus ihn nannte, diesem sozialdemokratischen Bumbum wurde in Chorweiler bei Leverkusen in unmittelbarer Nähe des Bundesamtes für Verfassungsschutz ehrenhalber die Zörgiebelstraße benannt. Wie das Schicksal so spielt. Übrigens stand Zörgiebel in Tradition seines SPD-Genossen Noske, der den Aufstand des Spartakusbundes und den Generalstreik nach der Novemberrevolution im Januar 1919 blutig niederschlagen ließ mit den Worten, "Einer muss der Bluthund sein."
Kurt Tucholsky schrieb zum 1. Mai das folgende Gedicht:
Zwei alte Leute am 1. Mai
»Weißt du noch, Alter, vor dem Kriege?
Wir glaubten an die schnellen Siege –
du hast das Streikplakat geklebt … «
– »Ja, Alte, das waren schöne Zeiten …
Wir waren allemal dabei –
Ich seh uns noch im Zuge schreiten
am 1. Mai.«
– »Und unser Jüngster war noch klein. Den ließ ich
zu Haus … wir gingen los mit Hans.
Mitunter wars ja etwas spießig –
so … Kriegerverein mit Kaffeekranz.«
– »Na, laß man – du warst doch die Nettste!
Mir wars bloß zu viel Dudelei …
Und anno 14 wars denn auch der letzte –
der 1. Mai.«
– »Kein Wunder. Mußt mal denken, Alter:
Wer ist uns da voraufmarschiert!
Der Wels als roter Fahnenhalter,
der Löbe, prächtig ausstaffiert … «
– »Ja solche haben glatte Hände …
Für die ist frisch, fromm, frech und frei
der Klassenkampf schon längst zu Ende –
Die und der 1. Mai!
Was wissen die vom Klassenkrieg … !
Die schützen sich vor ihrer eigenen Republik –!«
– »Na, laß man, Alter, die Beschwerde.
Ich weiß, dass etwas in uns singt:
Wacht auf, Verdammte dieser Erde,
die stets man noch zum Hungern zwingt!«
– »Wir wissen, Alte, was wir lieben:
den Klassenkampf und die Partei!
Wir sind ja doch die Alten geblieben
am 1. Mai! Am 1. Mai!«
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Nach dem II. Weltkrieg bestätigte 1946 der Kontrollrat der Alleierten den 1. Mai als Feiertag. Seit der Gründung der Bundesrepublik ist der 1. Mai gesetzlicher Feiertag als Tag der Arbeit. Seine Bezeichnung ist in den Ländern per Gesetz geregelt und mir gefällt die aus Nordrhein-Westfalen am besten, auch wenn sie verschämt im Wortlaut im Geburtsland von Bundeskanzler Merz so nicht genannt wird. Oder werden darf?

Auf Grundlage des nordrhein-westfälischen Feiertagsgesetzes wird er als als Tag des Bekenntnisses zu Freiheit und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde begangen. Schön wäre es, Frieden und Völkerversöhnung, keine Waffenlieferungen in die Kriegsgebiete Israel und Ukraine, Versöhnung mit Russland. Dem Land, das nicht nur die Hauptlast an der Zerschlagung des Hitlerfaschismus trug, sondern mit 27 Millionen Toten auch das größte Opfer zu beklagen hatte. Jene Russen, die große Teile Deutschlands vom Faschismus befreiten und die deutsche Einheit ermöglichten.
Ja und in der DDR wurde der 1. Mai zwischen 1949 und 1989 als "Internationaler Kampf- und Feiertag der Werktätigen für Frieden und Sozialismus" gefeiert. In der DDR waren das Recht auf Arbeit, einen Arbeitsplatz, dessen freie Wahl sowie das Recht auf Lohn nach Qualität und Quantität der Arbeit in der Verfassung als sozioökonomisches Recht verankert.

EDer 1. Mai war in der DDR auch eine Feierlichkeit, zu der im Vorfeld den Werktätigen Prämien gezahlt und Auszeichnungen verliehen wurden. Das war natürlich für viele wichtiger, als Teilnahme an an Demonstrationen. Aber der arbeitsfreie Tag wurde von vielen Familien genutzt, die am Nachmittag überall stattfindenden Volksfeste zu besuchen. Bei aufwendige Gestaltung der Feierlichkeiten, zu denen neben den Volksfesten auch Militärparaden, Sport- und Musikvorführungen und vor allem landesweit organisierte und oft kontrollierte Demonstrationen gehörten, ließen sich die Spitzen der SED und der Nationalen Front volksnah feiern. Neben vielen offiziellen Losungen gab es auch welche, die unfreiwillig komisch waren. Ich war zehn Jahre lang Redakteur im Haus des Rundfunks in der Nalepastraße und fuhr mal mit dem Auto, mal mit der Straßenbahn Linie 13 am Gefängnis Rummelsburg vorbei. Und da hing doch einmal wirklich die Losung: "Heraus zum 1. Mai!" Bestimmt nicht lange.
Obwohl die Junge Union für die Abschaffung des 1. Mai als Feiertag plädieren, muss es ihn noch lange geben. Als einen Tag, an dem für Menschenrechte und Würde, gegen Sozialabbau und Einschränkung der Meinungsfreiheit, gegen EU-Saktionen gegen Journalisten, Kriegstüchtigkeit und Hochrüstung, für Frieden und Völkerverständigung auf die Straße gegangen, demonstriert und gekämpft wird. Und zwar für jede einzelne dieser Forderungen. Das wünsche ich, sachlich. kritisch und optimistisch wie immer.
Fotos: Autor, Archiv H. Moreike, Archiv "Wochenpost"