Neues aus der Provinz - 700 Jahre Mehrow - Tradition und mehr


Im nächsten Jahr feiert das kleine Dorf Mehrow sein 700 Jubiläum der Gründung, denn am 12. Mai 1327 tauchte es zum ersten mal in den Chroniken auf. Und zwar als Ritterlehen eines Alvericus von Snettingen. Er hatte es wohl für seien militärischen Dienste unter Ludwig I. erhalten, der damals Markgraf von Brandenburg war. Um diese Zeit noch minderjährig, Ludwig war 1315 geboren, verwaltete die Markgrafschaft sein Vormund Graf Berthold VII. von Henneberg. Damals dominierte hier die Landwirtschaft, eigentlich gab es bis auf einige Zieleien kaum ein anderen Broterwerb. Viele Dörfer in Brandenburg sind unter seiner Herrschaft erstmals urkundlich erwähnt, da die Mark strukturiert und erfasst wurde. So ist es kein Wunder, dass auch unser Lindenberg in den Chroniken ebenfalls 1327  erstmals schriftlich auftauchte.

Aber das nur nebenbei. Mehrow hat seinen Ortschronisten und mehr Hobbyhistoriker, die die Geschichte ihres Dorfes besser kennen und nun alle Hände und Hirne voll zu tun haben, die Jubiläumsfeierlichkeiten mitzugestalten. Mir geht es um etwas ganz Anderes. Unsere fünf Dörfer tragen ihre Geschichte wie Menschen ihre Falten im Gesicht. Das ist nicht nur auf die Dorfkirchen beschränkt, die oft älter sind, als die erste urkundliche Erwähnung eines Ortes. Und in vielen Dörfern und Städten unseres Landes unter dem roten Adler scheint der Spagat zwischen dem Erhalt der Tradition und der Moderne ganz gut gelungen.

Marktplatz der Gartenstadt Marga bei Senftenberg

Bei uns, das mag jeder für sein Dorf selbst einschätzen, scheint Traditionspflege ein Stiefkind zu sein. Ja, da lehne ich mich weit aus dem Fenster. Denn zur Tradition gehört nicht nur ein Festumzug zum Jubiläum, ein rauschendes Volksfest und vielleicht ein kunstvoll gestalteter Wandteppich. Das muss, das kann sein. Und nur ein Narr kann etwas dagegen haben. Gegen einen hässlichen, missglückten Schlüsselanhänger schon. Aber denken wir doch ein wenig tiefer: Zur Wertschätzung und Überlieferung gehört sicher auch die Würdigung der Leistung unserer Vorfahren, der Generationen, die dieses Land und jedes Dorf Stein für Stein aufgebaut und Acker für Acker urbar gemacht haben. 

Und mit diesem Acker, der uns alle ernährt, behutsam und umweltfreundlich umzugehen, ja, das gehört zur Traditionspflege, meine ich. Und deshalb, liebe Leute, schlecht gehen wir mit unserem Erbe um. Die Sitten und das Brauchtum sind vielerorts verschwunden und unsere Orte haben ihr Gesicht, ihren typischen dörflichen Charakter verloren. Ja, Vieles konnte nicht verhindert werden, hat dem modernen Leben, der Zeit geopfert werden müssen. Keine Frage. Aber alles und ohne Rücksicht auf Verluste? Und bringt ein fruchtbarer Acker nicht mehr gesellschaftlichen Nutzen, als eine Betonplatte mit einem Haus darauf? Allemal!

Mehrows frühgotische Dorfkirche, ein Kleinod des Ortes, dessen Geschichte bis ins 13. Jahrhundert zurück reicht

Klar. Aber niemand außer wir selbst, haben wie zum Beispiel Ahrensfelde zu einem gesichtslosen Ort verbaut. Kein Zentrum, kein Marktplatz geschweige denn ein erhaltenes geschichtsträchtiges Gebäude, die Kirche und den Feuerwehrschuppen einmal ausgenommen. Warum wurde das Reihendort Ahrensfelde zu einer ausufernder Siedlung von Wohngebieten ohne jegliche gesamtkonzeptionelle Planung, ohne  Zentren, ohne Dienstleistungen oder dörflicher Gastronomie. Von Freizeiteinrichtungen, Parks oder geschlossenen Grünanlagen zur Erholung ganz zu schweigen. Ohne anspruchsvolle Arbeitsplätze und damit zu einer Pendler- und Schlafstätte. Dafür leider mit Konfliktzonen durch zunehmenden, auch selbst verschuldeten Verkehr, erweiterte Sportplätze innerhalb allgemeiner Wohngebiete, mit Parkchaos, Lärm- und Feinstaubbelastung?

In den Obstwiesen von BONAVA an der Kirschenallee; auch moderner dörflicher Charakter sieht wohl anders aus

Klar, jede Unke lobt ihren eigenen Teich, das ist doch normal. Eine ehrliche Bilanz, wie sie gezogen wird zu Jubiläen, kann aber nicht nur die tatsächlichen  Erfolge beinhalten, sondern sollte auch kritisch hinterfragen, was haben wir weniger gut und sogar falsch gemacht, um in Zukunft nicht wieder die gleichen Fehler zu begehen? Was haben wir für fraglichen Fortschritt geopfert? Das muss nicht die Jubiläen bestimmen, aber darf auch nicht vergessen werden. Bei aller Freude,  bei allem Jubel und Trubel, die 700 Jahre Mehrow und Lindenberg begleiten werden, wollte ich einmal auf einen tieferen Sinn von Traditionspflege zu sprechen kommen, sachlich, kritisch und optimistisch wie immer.

 Fotos: Autor, Stadtmagazinverlag H.M.

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