Die UNESCO feiert ihn noch, den Tag der russischen Sprache am 6. Juni

Bei den Russen an der Feldküche, deren verführerischen Duft ich schon von Weitem wahrnahm, jammerte ich ehrlich und ein wenig theatralisch: "Я голоден; пожалуйста, дайте мне хлеба." Das Betteln um Brot war oft erfolgreich, hatten doch die meisten Soldaten der Roten Armee selbst Kinder, von denen sie nicht einmal wussten, ob sie noch lebten. Ich weiß nicht, ob die Kascha und das klebrige Roggenbrot mir half, in der ersten Nachkriegszeit zu überleben, aber nützlicher für für meinen sichtbar mangelhaften Ernährungszustand als Kaugummi waren sie allemal.
Ja, leider haben die deutschen Prinzessinnen, die russische Zaren heirateten, bis auf das verehrte Mütterchen Katharina II., der einstigen Prinzessin von Anhalt-Zerbst, das Russische nur mangelhaft beherrscht. Auch in St. Petersburg wurde am Hof Französisch und in Zeiten auch Deutsch gesprochen. Heute sprechen rund 5 Prozent der Deutschen, also 4 Millionen Menschen, vor allem russlanddeutsche Migranten Russisch. Es ist eine Weltsprache und die in Europa am meisten gesprochene Sprache, mit der sich mehr als eine halbe Milliarde Menschen verständigen. Ihr ist vor allem dieser UNESCO Tag gewidmet, weil in ihrer Originalsprache bedeutende Werke der Weltliteratur entstanden sind.
Virginia Woolf nannte Tolstoi den "größten aller Romanciers" und für Sommerset Maugham war "Krieg und Frieden" "der größte aller Romane". Und Tolstoi selbst: "… ohne falsche Bescheidenheit - das ist etwas wie die Ilias."
Auch CDU-Fraktionsvorsitzender Jens Spahn hatte Russisch als Fremdsprache am Gymnasium gewählt. Er hat einmal gesagt: "Was nützt die schönste Schuldenbremse, wenn der Russe vor der Tür steht? Wir Europäer haben doch, zugespitzt gesagt, nur zwei Möglichkeiten: Wir können uns verteidigen lernen oder alle Russisch lernen." Nun, er kann das ja schon und er wäre also daher ein gutes Mitglied einer diplomatischen Mission, vielleicht die Beziehungen zu Russland auf eine neue, normale Basis zu entwickeln. Übrigens haben bedeutende Deutsche lange vor ihm erkannt, wie wichtig für sie die russische Sprache war. Goethe las die Poesie von Russlands Nationaldichter Puschkin im Original und schätzte dessen Werke. In Russland gehörte es zur höheren Bildung, zumindest der französische und deutsche Sprache in Wort und Schrift mächtig zu sein. Und Puschkin war ebenso wie Goethe ein Polyglott.
So beherrschten neben Peter I. selbstverständlich, Tolstoi und Tschaikowski, um nur einige zu nennen, fließend die deutsche Sprache. Zar Alexander I. zeichnete Johann Wolfgang von Goethe mit dem Orden der Heiligen Anna 1. Klasse aus.
Und Friedrich II. machte sich einen Spaß daraus, mit Zarin Katharina II. von Russland, der in Deutschland geborenen Prinzessin russisch zu korrespondieren und sie antwortete ihm deutsch. Der weltberühmte Mathematiker Carl Friedrich Gauß lernte im damals hohen Alter von 62 Jahren autodidaktisch Russisch, um die Arbeiten des russischen Mathematikers Nikolai Iwanowitsch Lobatschewski im Original lesen zu können.
Ich, der das Russische leidlich beherrsche, behaupte, dass selbst die beste Übersetzung von Tolstois "Krieg und Frieden" oder des Bürgerkriegs-Epos von Nobelpreisträger Scholochow "Der stille Don" auch nur ansatzweise das wiedergibt, was die Originale in der Sprache an Gefühlen und Empfindungen zwischen den Zeilen ausdrücken und die genialen Schriftsteller über sich selbst offenbaren. Die Schönheit der russischen Sprache liegt in ihrer musikalischen Melodie, der emotionalen Tiefe, der poetischen Kraft und den zahllosen Nuancen, der Betonung und dem Vokalreichtum. Ihre Struktur und der unheimlich große Wortschatz ermöglichen es, Gedanken höchst präzise, poetisch und oft überraschend bildhaft auszudrücken. Prosper Mérimée, der französischer Schriftsteller schrieb: „Die russische Sprache ist die reichste aller europäischen Sprachen und scheint wie geschaffen für die feinsten Nuancen. Sie ist außergewöhnlich harmonisch und dabei wunderbar einfach, obwohl sie fast unbegrenzte Möglichkeiten bietet.“
Iwan Turgenjew, der seinem zweiten, schöpferischsten Lebensabschnitt in Baden-Baden und Paris bis zu seinem Tod verbrachte, schrieb ein Gedicht über die russische Sprache, in der auch seine Werke zuerst erschienen.
„Was auch immer mit meinem Lande geschehen mag,
in den Tagen des Zweifels,
in Tagen bedrückenden Grübelns über das Schicksal meiner Heimat
bist du allein mir Hilfe und Stütze,
oh herrliche, mächtige, wahrhaftige und freie russische Sprache!
Gäbe es dich nicht, wie sollte ich da wohl keine Verzweiflung empfinden angesichts dessen,
was zu Hause geschieht?
Doch man muss dem Gedanken wehren,
eine solche Sprache könne nicht einem großen Volke gegeben sein!“
Fotos: Autor, Archiv Hartmut Moreike, frankreich sued, Iwan-Turgenjew-Museum auf dem Landgut Spasskoje-Lutowinowo

