Neues aus der Provinz - ein erster kommunalpolitischer Nachruf für Wilfried Gehrke als Bürgermeister

Ja, für viele jungen Ahrensfelder ist die Gemeinde nicht vorstellbar ohne Bürgermeister Gehrke. Sie kennen nichts anderes. Aber es gab eine Zeit vor Wilfried Gehrke im Amt und es wird eine Zeit ohne ihn im Rathaus geben. Bürgermeister Gehrke, dem schon ein knappes Drittel der Stimmen aller wahlberechtigten Ahrensfelder 2019 reichten, um ins Amt gewählt zu werden, ist 65 Jahre alt. Ich glaube, ja ich hoffe, dass er 2027 nicht noch einmal zur Wahl antritt. Zeit also, dem CDU-Politiker einen politischen Nachruf als Bürgermeister zu widmen. Mit einer Mütze Wehmut. Mein Verhältnis zu ihm ist, wie es so heißt, ambivalent. Anders gesagt, wir waren ⁰0weder Freunde noch wirkliche Feinde. Beiden liegt uns, das will ich von ihm doch stark hoffen, Ahrensfelde am Herzen. Mir mehr die Menschen, ihm mehr sein Ego und das Prahlen, etwa mit dem größten Sportverein Barnims, dem besten Umgang mit den Senioren indem sie ferngehalten werden von wirklicher politischer Teilhabe und als Bildungsgemeinde mit allen Schulformen. Ein weiterer Unterschied: Er will, dass Ahrensfelde groß und größer wird. Ich aber, dass es so klein bleibt, weil es so besser zu gestalten ist und den Rest seines dörflichen Charakters, vor allem in Blumberg und Mehrow.

Der liebevoll restaurierte Pfarrstall in Blumberg, heute Winterkirche und Ort dörflicher kultureller Ereignisse

Aber das ist ja nicht das Einzige, was uns unterscheidet. Ich glaube, je mehr der klugen Bürger in Entscheidungen und ihre Umsetzungen einbezogen werden, desto besser sind die Ergebnisse für Ahrensfelde. Das nennt sich dann direkte Demokratie in Reinkultur und ist ein Gesetz der Soziologie. Wilfried Gehrke hingegen beschimpft Leute, die diesen Gedanken verwirklichen wollen als Feinde des Gemeindefriedens und seiner Art von Demokratie. Wie verrückt ist denn das? Wilfried Gehrke will einfach nicht zur Kenntnis nehmen,  dass sich  die Gemeide vor allem in der Bevölkerung seit 1990 sehr verändert hat. Von den bäuerlich geprägten Strukturen, unabhängig von den großen landwirtschaftlichen Flächen, hin zu einem überwiegend Bildungsbürgertum vor allem aus Berlin, das sich hier ein Haus im Speckgürtel hauptstadt- und kulturnah leisten konnte. 

Er glaubt, ich weiß nicht wie er darauf kommt, dass er und seine Stellvertreter sowie eine lammfromme Gefolgschaft in der Gemeindevertretung, ungesalbt und dennoch von imaginären Gnaden berufen sind, allein zu wissen, was gut für die Einwohner ist, und so die Geschicke von Ahrensfelde zu lenken und leiten. Ja, da fällt mir ein Gleichnis ein: Manche Hähne glauben, die Sonne geht ihretwegen auf. Besser kann Vertrauen und Achtung nicht verspielt werden.

Das Ergebnis ist katastrophal. Eine Verkehrsinfrastruktur, die an Feinstaub und Lärm nicht zu überbieten ist. Es ist nicht nur der Durchgangsverkehr als erstes und letztes Dorf vor Berlin, sondern durch ausufernden Siedlungsbau haben wir selbst das Problem verschärft, denn die überwiegende Mehrzahl der Ahrensfelder in Lohn und Brot suchen woanders ihr Auskommen, wo ihre Qualifikation eine höhere finanzielle Anerkennung erfährt. Das nennt sich soziale Bosheit und ist ein ökonomisches Gesetz und existiert unabhängig von unserer Kommunalverfassung. Die nimmt unser Erster Bürger ohnehin nicht ganz so genau, denn danach hat er die Gemeindevertreter in allen wichtigen Fragen zu informieren. Ja, macht er auch, aber er entscheidet, wie ich das sehe, eben oft, was ihm wichtig erscheint und was nicht.  

Und was entgegnet Wilfried der Schlaue zu den Pendlern? Es pendeln genau so viel Arbeitskräfte nach Ahrensfelde ein wie aus! Nichts dagegen zu sagen, auch wenn das wieder so nicht ganz stimmt. Denn die blanken Zahlen belegen nicht, dass es sich hier bei Lidl, Kaufland, REWE oder Hellweg fast ausschließlich um weniger qualifizierte und Beschäftigte im Mindestlohn zwischen 15 und 18 Euro die Stunde handelt. Das nennt man Bildungswanderung und ist auch ein Gesetz. Und da ist es schlecht um Ahrensfelde bestellt. Ja, Statistik ist vielleicht nicht Gehrkes Stärke, eher ich dreh mir die Fakten, wie es mir gefällt. Wirtschaft, ja selbst Landwirtschaft scheinen in den Gremien Tabuthemen zu sein. Ja, ja, die Bauwirtschaft, sie lebe hoch!

Aber die Erfolge sind mager. Das zeigt sich auch an unseren halbleeren Kita und dem starken Geburtenrückgang in der Gemeinde. Und dennoch muss ein Gymnasium her. Doch woher die Schüler nehmen? Zuzug ist sein Zauberwort. Na junge Familien können sich unsere Preise im Speckgürtel der Hauptstadt nicht leisten. Wir sind eine Spekulationswiese für Investoren. Ich rede darüber nicht mit dem Bürgermeister. Er hat kein Interesse mit weitgereisten, erfahrenen und am Wohl und Wehe der Gemeinde interessierten Bürgern wie mich zu sprechen und ich beherrsche einfach seine Sprache nicht. Da hilft auch kein Dolmetscher oder Google translate.

Dennoch ist es ihm zu Gute zu halten oder anzurechnen, dass er maßgeblich für viele, auch für mich, Wohnraum, sogar ein Eigenheim schaffen lies. Leider koste es, was es wolle. Damit sind nicht nur die Erwerbskosten gemeint, sondern dass so gut wie alle Siedlungen auf landwirtschaftlichen Flächen oder Brachen und in zu weichenden Wäldchen gebaut wurden. Was dem einen sein Uhl, ist dem Bauern seine Nachtigall, die Millionäre wurden und CDU-Freund Gehrke in ihre Dankesgebete einschließen, wenn sie denn fromm sind. Was ich nicht glaube, weil sie einen anständigen Beruf zumindest teilweise aufgegeben haben, um Spekulant zu werden, wenn das überhaupt ein Beruf sein soll. Aber nicht mit Bürgermeister Gehrke begann die Bauhysterie, nein, diese Fehlleistung begann ja schon mit Wollermann und Hackbarth.

Gebaut muss werden, wie etwa die evangelische Kirche, die nur dann ein Stück ihrer reichlichen Ahrensfelder Besitztümer teuer für ein Gymnasium verkaufen wollte, wenn sie dafür eine Siedlung bauen durfte, mit deren Erbpacht sie fromm und frei ihre Schatulle vermehren kann, was der Klingelbeutel nicht mehr hergibt. Keine Sorge, als einer der größten Grundbesitzer in Deutschland und auch Ahrensfelde mit den Sportplätzen, mit Teilen des kleinen und großen Ahrensfelder Dreieck ist sie nicht insolvensgefährdet. 

Wir Ahrensfelder müssen nun nach diesem "Kuhhandel", obwohl eine Mehrheit gegen die EKBO-Siedlung mit 1.800 Einwohnern in einer demokratischen Umfrage gestimmt hat, die Kröte schlucken. Und wieder werden Pflanzen und Tieren, egal auf Roter Liste oder nicht, dem Paradies im Himmel empfohlen. Aber der Umweltbericht von Bürgermeister Gehrke lobt die fünf Stieleichen in Eiche, die gepflanzt wurden und die sechs Hecken, weil Ahrensfelde summt und Käfer, Schmetterlinge, Fledermäuse und Vögel im Ausschuss für Wirtschaft, Bauwesen, Natur und Umwelt ohnehin nie eine Rolle spielten, spielen durften, weil bauen und Zäune wichtiger sind. Und das nennen sie, so steht es in den Bauleitplänen, "positive Entwicklung". Da sehe ich schwarz für Ahrensfelde.

Und Wirtschat und Landwirtschafft, vergessen wir weiter. Umwelt und Natur heißt es auch für den einen Ausschuss, aber Namen sind nun einmal Schall und Rauch. Die Ignoranz gegenüber Umwelt und Natur gleicht Wilfried Gehrke, als diplomierter Landwirt mit einer kleinen Kleinrinderherde aus. So ist doch alles wieder in Ordnung. Oder nicht, das frage ich sachlich, kritisch und optimistisch wie immer.

Fotos: Autor, Chronik, Cartoon Hubbe 

P.S. Gut unterrichtete Kreise wollen wissen, dass Wilfried Gehrke sich noch einmal andienen will, als Bürgermeister Ahrensfelde groß zu machen: Make Ahrensfelde great again! 


 




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