Irrt der Mensch, so lange er lebt? Das frage ich in und für Ahrensfelde

Vorweg, wir alle irren uns, das  liegt in unserer Entwicklung. Die Erde war lange eine Scheibe und dann, als die Kugelform entdeckt und anerkannt wurde, glaubten die Menschen, dass sich alles um die Erde und um uns Erdbewohner dreht. Sicher auch in Ahrensfelde, denn die Bauern, denn um nichts anderes handelte es sich bei den ersten Siedlern, waren nicht besonders gebildet. Aber das hatten sie mit den Bischöfen und Rittern gemein. Die aber waren nur so schlau, den Bauern einzureden, dass sie das abzugeben hatten, was die im Schweiße ihres Angesichts erarbeitet hatten. Und wenn nicht freiwillig, dann mit Gewalt.

Bauern bei der Abgabe - Mittelalter Stich, Verfasser unbekannt

Aber genug der Geschichte. Ich wohne erst eine Generation in Ahrensfelde und mein erster großer Irrtum war, zu denken, dass Ahrensfelde eine ländliche, solidarische Gemeinde in einem gesundem, naturnahen Umfeld sein würde. Das war sie auch damals nicht mehr. Meine Siedlung war eigentlich mit ihren 125 Häusern der Beginn einer Siedlungskette, die alles zerstörte, was ich für meine Arbeit als Schriftsteller gesucht hatte. Ruhe, gesunde Luft und eine verantwortungsvolle, umweltbewusste und der Zukunft aufgeschlossene Dorfgemeinschaft mit einer klugen Gemeindevertretung an der Spitze. Aber es ist nur immer mehr ein gesichtsloser, zersiedelter Vorort von Berlin mit einem tristen Rathausplatz und chaotischem Verkehr geworden.

Der zweite große Irrtum war, dass der Bürgermeister das Format hätte, gewillt wäre und es schaffen würde, fünf Dörfer zu einem Ganzen zu verschmelzen und den Einwohnern der Gemeinde Stolz auf ihre engere Heimat zu vermitteln. Fünf Dörfer in einer Gemeinde und dennoch mit unverwechselbarer Identität. Worauf sollten sie aber stolz sein im Verkehrschaos, ohne Freizeiteinrichtungen und Problemen in der medizinischer Versorgung. Kein Café, Lärm und Feinstaub und sinnlos  bebaute Äcker, die Bauern und Spekulanten reich machten. 

Stolz, höchstens auf den Lennè-Park, von dessen Existenz die meisten Einwohner überhaupt nichts wissen. Nein, Herr Gehrke glaubt heute immer noch, er kann sich nicht irren und sein Werk wird noch in  Chroniken gewürdigt. Überempfindlich für Kritik, gegen neue Formen der direkten Demokratie, gegen Toleranz und Offenheit hat er in großen Teilen selbst zur Spaltung der Bürgerschaft beigetragen. Mit anderen Worten, ich habe mich in einem Mann geirrt, der von sich vielleicht glaubt, niemals zu irren.

Ein weiterer Irrtum ist, dass ich dachte, er nimmt es mit der Brandenburgischen Kommunalverfassung sehr genau. Darin steht, dass er die Gemeindevertretung in allen wichtigen Fragen zu informieren hat. Oft habe ich erlebt, dass er selbstherrlich selektiert, was er für wichtig hält und was nicht. Ein weiterer Irrtum meinerseits war, dass ich dachte, Herr Gehrke hätte so viel Charakter, dass er sich in heiklen Angelegenheiten, etwa wenn seine CDU-Freunde als Investoren auftreten oder bei Umfragen der Bürger neutral verhält. Denkste. Und noch ein Irrtum, denn ich hatte nie geglaubt, dass er als Regionalrat frisch und ungeniert gegen selbst beschlossenen Empfehlungen und Vorgaben des Regionalplanes Uckermark-Barnim bei Bauprojekten verstoßen lässt. Ja, wie man sich irren kann.

Der dritte größere Irrtum, dem ich von Anbeginn meines Hiersein aufsaß, war die Gemeindevertretung als ein Gremium für ein lebens- und liebenswertes Ahrensfelde. Ihr Irrtum, dass mehr Einwohner und weitere Siedlungen die Probleme der Infrastruktur, des Verkehrschaos irgendwie lösen würden, die  sie und ihre Vorgänger zu verantworten haben. Mein Irrtum, dass die Gemeindevertretung die Reife und Intelligenz hätte, eine breite Bürgerbeteiligung als Form der direkten Demokratie in den verschiedensten Formate zu entwickeln und damit ihre Beschlüsse auf eine solidere und von der Einwohnerschaft getragene Zustimmung zu stellen. Das ist nicht der Fall. Abstimmungen der Bürger wurden ignoriert und hinterlassen bei vielen Bürgern den Eindruck, dass über ihre Köpfe hinweg entschieden wird. Aber auch in der Einwohnerschaft hatte ich mich geirrt und nie geglaubt, dass sie sich das gefallen lässt.

Der Selbstirrtum der Gemeindevertreter, dass sich irgendwer an den gemeinsam beschlossenen Ehrenkodex halten würde, ist in jeder Beratung des Gremiums offensichtlich. Der allgemeine Irrtum, dass in der Gemeindevertretung nur die besten Vertreter der Einwohner gewählt wurden, den teilen die meisten Ahrensfelder schmerzlich. Hier wird nicht beraten, welche Auswirkungen Beschlüsse haben, Unterlagen, wie Abwägungen zu Bauprojekten werden kaum zur Kenntnis genommen, geschweige denn ergebnisoffen diskutiert. Da verlässt man sich auf die Verwaltung und ist verlassen. Und die zumeist desinteressierten Gesichter in der Einwohnerfragestunde sprechen Bände über verirrte Seelen, denen offensichtlich irrtümlich die Geschicke von Ahrensfelde übertragen wurden. Und hier zeigt sich wieder einmal, ja, die Bürger sind der Souverän und nicht seine gewählten Vertreter.

Und so taumeln wir von einem Irrtum in den anderen, wohl wissend, dass es Irrtümer waren, ohne sie einzugestehen und zu korrigieren. Also ich werde nicht etwa aus Ahrensfelde wegziehen, weil einen alten Baum... Der Bürgermeister wird natürlich nicht selbstkritisch in den letzten Tagen seiner Amtszeit in sich gehen und Selbstkritik üben statt seine Segnungen hervorzuheben. Er wollte ein Gymnasium, er wollte 17.000 Einwohner, beides bekommt er, koste es, was es wolle. Übrigens geht das Gerücht, dass er doch 2027 zur Wahl des ersten Bürgers antreten will. Und die Gemeindevertretung glaubt nicht einmal, irrtümliche Beschlüsse aus mangelnder Kenntnis der Materie und des Bürgerwillens gefasst zu haben. Und so leben und wirken sie heute noch, die Irrtümer. 

Irren ist menschlich, eine liebenswerte Schwäche. Irrtümer aber nicht zu korrigieren, heißt weiteren Irrtümern aufzusitzen oder sollte ich mich irren? Sachlich, kritisch und optimistisch wie immer.


Fotos: Autor, Archiv, Cartoon Tonpool


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