Neues aus der Provinz - Demut - zweiter kommunalpolitischer Nachruf auf Bürgermeister Gehrke


Heute will ich etwas beinahe Philosophisches über Amt und Demut schreiben. Es ist wieder eine rein persönliche Reflektion, wie ich Bürgermeister Gehrke in vielen Jahren erlebe. Im Kern beschreibt Demut eine realistische Selbsteinschätzung. Der demütige Mensch erkennt seine Fähigkeiten ebenso wie seine Grenzen an, ohne sich über andere zu erheben oder sich selbst geringzuschätzen. Ja, das wäre der Idealzustand und wir alle haben unsere Schwächen und Eitelkeiten. Demut bedeutet, das eigene Ego nicht zum Mittelpunkt der Welt, in unserem Fall Ahrensfeldes zu machen, sondern sich als Teil einer Gemeinschaft zu begreifen. Haben wir schon einmal erlebt, dass sich Wilfried Gehrke entschuldigt hat oder bekannte, dass er sich irrte? Nicht ein einziges Mal. Die Fähigkeit zur Selbstkritik scheint er verloren zu haben. Aber je ichbezogener unser Bürgermeister handelt, desto mehr setzt er sich selbst unter Druck, desto empfindlicher und oft lauter reagiert er auf vermeintlich ungerechte Kritik. Das ist absurd und ein soziologischen Phänomen.

Ja, ich kritisiere den Bürgermeister, nicht aber die Person Wilfried Gehrke. Kritik, und das sage ich in Richtung Hübner, Stock, Länger und Tietz, ist keine Majestätsbeleidigung, sondern im höchsten Grad demokratisch. Wer politische Verantwortung trägt, muss sich bewusst sein, dass Vertrauen nicht eingefordert, sondern verdient werden muss, dass scharfe Worte von Bürgern oft Ausdruck einer Enttäuschung und von vermeintlichem Fehlverhalten sind. Auch wenn es schwer fällt. Und ja, ich gebe zu, dass es nicht immer klug ist, wenn ich Kritik an den Bürgermeister und noch mehr an Gemeindevertreter nicht so formuliere, dass sie Verständigung ermöglicht. Aber auch das hat seine Ursache, weil selbst, freundlich formulierte. wohlwollende und berechtigte Kritik bisher immer auf taube Ohren stieß und als persönlichen Angriff gewertet wurde.

In Ahrensfelde gibt es eine beachtliche Zahl von Bürgern, die die Versiegelung von Ackerflächen kritisch bewusst sehen. Ihre Argumente spielen weder in der Gemeindevertretung und schon gar nicht im Ausschuss für Wirtschaft, Bauwesen, Natur und Umwelt eine Rolle. Wie kann es sein, dass in zehn, ja zwanzig und mehr Jahren nicht einmal das Thema Umwelt oder Natur im Bauausschuss auf der Tagesordnung stand? Ein umsichtiger Bürgermeister, noch dazu studierter Landwirt, muss doch hier die Initiative ergreifen, aus Bildung und Vernunft, aus Demut vor Natur und Umwelt, die unsere Lebensgrundlage sind! Noch klarer gesagt, wir sägen genau den Ast ab, an dem Stamm, auf den unser Leben ausgebaut ist. In einem Teelöffel gesunder Erde sind mehr lebenswichtige Organismen enthalten als es Köpfe auf unserem Planeten gibt. Das wissen Landwirte. Und deshalb dürfe Wilfried Gehrke kein Prediger von weiterem Zuzug sein. Außerdem belegt die Praxis im Großen wie im Kleinen, je größer die Einheiten, ob Kommune, Kreis oder Land, um so schwieriger ist die Verwaltung, sind die Probleme und Wege zu ihrer Lösung.

Ja, Demut gehört zu jenen Tugenden, die selten eingefordert werden. Aber, Leute, sie ist jedoch Voraussetzung für verantwortliches Handeln mit dem Blick in die Zukunft und nicht nur für eine oder zwei Wahlperioden eines Bürgermeisters. Vielleicht denkt Bürgermeister Gehrke - ich kann und will in seine Gedankenwelt nicht eindringen - dass demütig sein eine Geste der Schwäche ist. Falsch. Und er muss sich ja nicht seine weltfremden und dem realen Leben entrückten CDU-Parteifreunde Merz, Wadephul und Kiesewetter als Vorbild nehmen. Tugend wird höher geschätzt, als das Vergessen der eigenen Begrenztheit und vermeintliche Selbstgewissheit. Klar, ein Bürgermeister muss Stärke, Entschlossenheit und Zuversicht ausstrahlen. Und gleichzeitig bedeutet Demut, die Grenzen des eigenen Wissens und der eigenen Einflussmöglichkeiten anzuerkennen und das auch zugeben. Jeder kennt das alte Sprichwort „Hochmut kommt vor dem Fall“.

Es gibt kein Amt ohne Vernunft. Kein Bürgermeister verfügt über vollständige Einsicht in die Folgen des eigenen Handelns. Wenn er demokratisch gewählt wurde, sollte er sich nicht als letzte Instanz begreifen, sondern in der Bürgerschaft aufgehen und mit ihr die besten Lösungen suchen. Aber hat Wilfried Gehrke nur ein einziges Mal versucht, die weitgehend praktizierten Formen der direkten Demokratie vorzuschlagen oder einzuführen. Ich denke da an Bürgerräte zu Umweltfragen, Workshops zu Bauprojekten, Umfragen zur Arbeit der Verwaltung oder öffentliche Rechenschaft über Ergebnisse von Beschlüssen und ihre Folgen. Nein, im Gegenteil, er hat jeden einzelnen schon im Ansatz verhindert. So werden wir Bürger nicht mehr als mündiger Souverän behandelt, dem man Entscheidungen nachvollziehbar machen muss, sondern als Zuschauer, der darauf vertrauen soll, dass allein Bürgermeister Gehrke und die Gemeindevertreter schon wissen, was sie tun.

Demut verhält sich anders. Sie nimmt die Bürger ernst. Sie erklärt, begründet und stellt sich der Kritik. Sie weiß, dass politische Verantwortung geliehen ist und dass Vertrauen jeden Tag neu verdient werden muss. Opposition, besonders in der Gemeindevertretung wie BfA und einst BVB Freie Wähler sowie Kritik an der Arbeit der Verwaltungsspitze sollten Anlass zur Überprüfung der eigenen Position sein. Denn sie sind ein Wesensmerkmal der Demokratie,  die in den kleinsten Strukturen, also den Kommunen gelebt wird.

Demut ist also keine sentimentale Tugend, sondern eine politische Notwendigkeit. Sie bedeutet, Macht als vorläufig zu verstehen, Wissen als begrenzt und Entscheidungen als korrigierbar. Die Arroganz Gehrkes zeigt sich weniger in einzelnen Entscheidungen als in der Haltung, mit der er sie trifft. Abweichende Stimmen betrachtet er als persönlichen Angriff. Insbesondere jene,  die auf Folgen und Risiken hinweisen, die zum Beispiel Zuzug und Siedlungsbau für die Dorfgemeinschaften und die Umwelt mit sich bringen. Seit 1990 findet ein beachtlicher Strukturwandel in Ahrensfelde statt. Zu der meist landwirtschaftlich geprägten Bevölkerung sind in großer Zahl gut gebildete und oft finanzkräftige Stadtbewohner hinzugekommen. Das zu ignorieren, sie bei Entscheidungen auszuschließen, ist kurzsichtig, borniert und mit verheerenden Folgen für den Zusammenhalt der Bevölkerung und die Autorität der Verwaltung und der Gemeindevertreter. 

Demut und Zurückhaltung wäre auch angezeigt, wenn sich Parteifreunde der CDU, ob Winter oder Gräff, als Investoren einstellen. Hier fehlt es an politischer Demut, an kluger Zurückhaltung. Demut wäre in diesem Kontext keine sentimentale Tugend, sondern eine kommunalpolitische Notwendigkeit. Ja, es gibt nicht nur Ja oder Nein, Schwarz oder Weiß. Zu bunt und komplex ist die Welt. Das wiederum heißt auch bei den komplexen Prozessen, nicht nur Fachleute im Rathaus anzustellen, sondern Erfahrungen und Wissen aus der breiten Bevölkerung zu generieren. Aber darauf verzichtet Bürgermeister Wilfried Gehrke, was ich ihm ankreide, sachlich, kritisch und optimistisch wie immer..

Fotos und Ölgemälde Autor



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