Aus der Provinz nach New York geschaut - eine persönliche Nachbetrachtung

 

Heute schaue ich wieder über den Tellerrand unserer Barnimer Heimat, weil etwas Bahnbrechendes in Sachen Krieg und Frieden hätte passieren können. Ist aber nicht! Ja, Wadephul hat es gewagt. Wagen müssen? Am Rande der UN-Generaldebatte hat unser Außenminister Wadephul die Ungeheuerlichkeit begangen, nach viereinhalb Jahren der Weigerung der deutschen Außenpolitik, direkte diplomatische Kanäle mit Russland offen zu halten, Jahre der eisigen Stille, sich mit dem russischen Chefdiplomaten Lawrow zu treffen. Auf Initiative Deutschlands. Damit sind alle die Politiker und Abgeordnete unseres Landes rehabilitiert, die nach St. Petersburg zum Petersburger Dialog, zum Wirtschaftsforum oder zum Tag des Sieges nach Moskau gereist sind und als vaterlandslose Gesellen beschimpft wurden. "Mit Gegnern muss man verhandeln", so ein neuer Ton von Wadephul.  

Ja, die Lage im Krieg zwischen Russland und der Ukraine ist ernst und spitzt sich zu. Der Eskalationsdruck ist kaum noch zu erhöhen. Wer aber nun dachte, Deutschland würde aus seiner historischen Verantwortung gegenüber Russland und der Ukraine die Initiative ergreifen, den Krieg durch konstruktive Friedenvorschläge zu beenden, auch einen neuen zu verhindern, sah sich getäuscht. Ich hatte ohnehin nicht zu viel von dem Treffen erwartet, sind wir doch wie immer im Besitz der einzig gültigen Wahrheit. Außenminister Wadephul brachte die allbekannten Vorwürfe zur Sprache und die Drohung, dass sich so ein Vorfall wie mit der Drohne am Leipziger Flughafen nicht wiederholen dürfe. Darauf ging Lawrow, ein hoch gebildeter, polyglotter Chefdiplomat alter Schule nicht ein. Warum auch, Russland bestreitet seine Beteiligung und auch Innenminister 

Dobrindt sprach lediglich von einem „hybriden Anschlagsszenario“ und dass „fremde Mächte“ als Urheber nicht ausgeschlossen wären. Nur der Geheimdienst habe klare Beweise für eine dilettantisch gebaute Drohne und Verdächtige, die mit Russland in Verbindung gebracht werden können. Mit der Drohne sollten wohl leere ukrainische Transportflugzeuge in Leipzig gesprengt werden. 

Lawrow, das Urgestein auf diplomatischer Bühne, reagierte wohl auch nicht auf den Vorwurf der Behinderung ukrainischer Getreideexporte durch Russland, wodurch Hunger in Entwicklungsländer ausgelöst werden kann. Er wusste ja, mit wem er am Tisch saß, dem Mann, der mit der entlarvenden Bemerkung von sich Reden machte: "Russland wird immer ein Feind für uns bleiben." Offensichtlich enttäuscht sagte der deutsche Außenminister in die Mikrofone des ZDF und der ARD, dass er Lawrow angeboten hätte, zu "deeskalieren, insbesondere auch mit Blick auf die Situation in der Ukraine, aber das hat noch keine offenen Ohren gefunden”. Nun, vielleicht lag es auch daran, dass der russische Partner weiß, wer eskaliert und der größte Waffenlieferant und Geldgeber der Ukraine ist, und hörte sich mit höflicher Geduld das Statement Wadephuls an. Seine Bemerkung: "Dafür hätten Sie mich einfach anrufen und mir es sagen können."

In der internationalen Presse wurde es drastischer wiedergegeben, dass Lawrow das Treffen für überflüssig hielt. Wadephul habe die schon verschiedentlich geäußerten Positionen der deutschen Regierung wiederholt. Man hätte sich die Zeit für die 20minütige Begegnung auch schenken können, sagte Lawrow im Anschluss mündlich. Es war eine Geste großer Geringschätzung. Ja, das Treffen habe absolut nichts zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Deutschland und Russland gebracht. Wie denn auch, denn in Russland wird sowohl zur Kenntnis genommen, dass Deutschland seine Bevölkerung kriegstüchtig macht und Rekordsummen in die Rüstung investiert um die stärkste Armee in Europa zu werden. Und damit hat das russische Volk ja so seine bittere Erfahrung. Auch für Deutschland ging das nie gut aus.

Ich habe keine Familie bei all meinen Reisen von Brest bis Wladiwostok getroffen, die nicht einen Angehörigen in der Familie durch den barbarischen Krieg der Deutschen verloren hatten, 27 Millionen Menschen, die meisten waren Zivilisten, Greise, Frauen und Kinder. Und daraus ist eine tiefe Friedenssehnsucht der Menschen im russischen Vielvölkerstaat.

Ich denke, das Treffen in New York war eher eine Schaufensterveranstaltung von deutscher Seite, um Friedensbemühungen vorzutäuschen mit der Gewissheit, wie Russland reagieren würde. So hat Russland, jedenfalls nach Meinung des Westens, den Schwarzen Peter. Statt ausgestreckter Hand von unserer Seite wieder eine verschärfende Konfrontation, auch wenn das 20minütige Treffen mit einem Handschlag beider Politiker (siehe Foto) endete. 

Es wird als gesichert angesehen, dass eine Mehrheit der Bürger in der Bundesrepublik gegen einen Krieg gegen Russland ist. Es gibt zwar keine sichere Angaben, aber auch in Russland ist meines Wissens die Mehrheit der Menschen absolut sicher gegen einen Krieg gegen die Bundesrepublik oder einen Nachbarn. Und ich wette, auch die Ukrainer wollen endlich Frieden. Ergo, bleibt die Frage, wenn die Bevölkerung in der Bundesrepublik und die Bevölkerung in Russland keinen Krieg will, warum sollte es dann einen Krieg geben? Wo ist da die Logik? 

Nun ist es in "unserer Demokratie" für mich eine Tatsache, dass wir, das Volk wenig bis nichts zu sagen haben. Die Aufgabe der Politik der CDU/SPD-Regierung besteht darin, uns vor allem mit den ausgerichteten Medien davon zu überzeugen, dass wir Unrecht haben und Merz und Wadephul Recht haben, dass Russland, obwohl Lawrow das erneut widerlegte, uns 2029 angreifen wird. Ja auch Putin hat genau das Gleiche vor der Weltpresse gesagt. Mehr noch, sie würden es auch in völkerrechtlich verbindlichen Verträgen beurkunden. Nur Propaganda? Kann sein. Warum aber hat Wadephul die Russen darauf nicht festgenagelt.  Ja, das war offensichtlich nicht sein Auftrag. Schade, wer weiß, wann wieder so ein Moment in den Beziehungen zu Russland kommt?

Am 3. Oktober findet am Brandenburger Tor in Berlin eine Friedensdemonstration statt. Hier hätten alle politischen Parteien, die ehrlich Frieden in Europa anstreben, die Chance, sich dazu zu bekennen. Ich bin auf jeden Fall wieder dabei, sachlich, kritisch und optimistisch wie immer.

Fotos: Autor, Archiv Moreike, Museum Berlin Karlshorst,  Zeitgeschehen

Nur nebenbei. Am 27. September abends hatte mein Blog insgesamt den 88.888ten Leser. Und weil ich so gern mit Zahlen zur Hand bin, theoretisch hätte jeder Ahrensfelder vom Neugeborenen bis zum Greis meinen Blog "Moreikes Ahrensfelde" mindestens 6mal hochgeladen. Das ist ein gutes Zeichen fürs Weitermachen.  


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