Wann wird der Alexanderplatz umbenannt?
Das Russische Haus der Wissenschaft und Kultur in Berlin wird geschlossen, weil es nach den Scharfmachern der Russophobie ein Agentennest Putins sein soll. Beweise gibt es nicht, wie bei der Drohne am Leipziger Flughafen oder anderen Akten der Gewalt in Deutschland. Die Hardliner und ihre Schreibzunft jubeln. Zwar hatte die Bundesrepublik 2012 für 50 Jahre die Grundsteuer für das Kulturzentrum Russland übernommen, aber das können sie sich nun ja sparen. Oder auch nicht. Denn das Haus gehört der Russischen Föderation, wie die Botschaft Unter den Linden in Berlin. Mit der Aufkündigung des Vertrages werden von der Merzregierung weitere Brücken zwischen Berlin und Moskau abgebrochen. Aus dem beendet gedachten Kalten Krieg, der eigentlich nie zu Ende war, bahnt sich eine neue Eiszeit an. Die Schließung des Hauses verkündete Außenminister Wadephul ausgerechnet am 1. September, dem Tag, an dem Deutschland vor 93. Jahren den verbrecherischen II. Weltkrieg begann. Zufälle gibt es!
Jolkafeste für alle Berliner Kinder mit Väterchen Frost und Schneegurotschka und den Zeichentrickfilmen "Hase und Wolf - Na, warte" waren ein unvergessliches Erlebnis und natürlich russische Propaganda, wie in Russland Weihnachten seit Jahrhunderte gefeiert wird
Ich bedaure die Schließung des Zentrums russischer Kultur, Wissenschaft und der Völkerverständigung, bei dessen Eröffnung ich 1984 dabei war und das im Jahr 300.000 Besucher zählt. Seitdem habe ich dort so manchen international ausgezeichneten russischen Film gesehen, erstklassische Ausstellungen russischer Maler auf mich wirken lassen, im Musiksalon ungezählte Abende bei bezaubernden Melodien von Dunajewski, Mussorski, Schoschtakowitsch und Tschaikowski ausklingen lassen. Das Angebot, Russisch zu lernen, habe ich selbstbewusst ausgeschlagen, denn mit dem Direktor des Hauses, dem einstigen Kosmonauten Walerij Bykowski, mit dem mich eine zu kurze Freundschaft verband, konnte ich mich ganz gut in seiner Heimatsprache unterhalten.
Er schaffte es auch, zu einer Konferenz im Haus mit amerikanischen und westdeutschen Austronauten, sowjetischen und DDR-Kosmonauten einzuladen, was dem Auftrag des Hauses entsprach, dem wissenschaftlichen wie kulturellem Austausch zwischen den Völkern zu dienen. Meinen Bibliotheksausweis mit der Nummer 201 werde ich als Souvenir behalten. Habe ich doch in der Bücherwelt des Hauses, mit über 20.000 Bänden, nach der Tolstoi Bibliothek in München eine der größten Bibliotheken russischer Literatur in Europa, Stunden und zusammengerechnet Tage verbracht, um in Originalen für meine international beachtete Trilogie über den russischen realistischen Maler Ilja Repin und die Vorgänge am Zarenhof zu recherchieren.
Angesichts der Zunahme der organisierten Russlandfeindlichkeit frage ich mich, wann in Berlin der Alexanderplatz, schließlich nach Zar Alexander I. benannt, oder der Bersarinplatz auf Antrag der Grünen und SPD, die in diesem bösen Spiel den Ton angeben, umbenannt werden? Dem General Bersarin, dem ersten Kommandanten von Berlin, wurde ja seine Ehrenbürgerschaft schon einmal aberkannt. Nun hat er sie wieder. Nicht aber der Nachfolger, General Kotikow, dessen Namen im Gedächtnis der alten Berliner verbunden ist mit der Schaffung einer funktionierenden Verwaltung, dem Aufbau der Stadt, dass wieder Wasser floss und es zeitweise Strom gab. Auch mit der Lebensmittelversorgung und nicht zu vergessen den ersten freien Wahlen in ganz Berlin. Für mich aber wie für viele ist das Kotikow-Essen unvergesslich. Der Kommandant Berlins befahl, dass alle Beschäftigten in der städtischen Verwaltung, in Industrie und Transport täglich ein warmes Mittagessen zu bekommen haben und wir Kinder auch. So hat er vielleicht dafür gesorgt, dass ich und hunderttausende Berliner ausgemergelten Kinder nicht verhungert oder entkräftet den damals grassierenden Krankheiten zum Opfer gefallen sind.
Generalmajor Alexander Kotokow (2. v. li.) bei der Siegesparade der alliierten Streitkräfte in Berlin im Mai1946. Seine Tochter Swetlana war das Model für das Ehrenmal gefallener Soldaten der Roten Armee in Treptow, das der Soldat auf dem Arm trägt. Seinen Sohn hat er nach Heinrich Heine Genrich benannt
Natürlich war und ist das Russische Haus der Wissenschaft und Kultur, das wissen Dobrint und Wadephul wie wir alle, keine Agenten-Kommando-Zentrale. Und mit der Schließung des Hauses wird es nicht weniger russische Spione bei uns geben, wie deutsche Agenten in Russland. Es ist einerseits nur ein weiterer Nadelstich gegen Russland und zweitens, das ist meine Überzeugung, um von der desolaten Einschätzung der Merz-Regierung und den ernsten Problemen der deutschen Wirtschaft sowie dem massiven Sozialabbau zugunsten ungeheurer Aufrüstung abzulenken. Auch um den Preis, dass Russland, wie zu erwarten, spiegelgleich antwortet und unsere Goethe-Institute in Moskau, St. Petersburg und Jekaterinburg schließlich wird. Es darf einfach jetzt kein kultureller Austausch mit dem ewigen Feind (nach Wadephul) mehr stattfinden. Deshalb wollte das Auswärtige Amt schon lange die Goethe-Institute schließen und suchte nur noch nach dem Wie, also einem Vorwand. Und da fiel ihnen, bewusst wie Moskau reagieren würde, die Schließung des Russischen Hauses in Berlin ein. Und was sagt Generalsekretärin der Goethe-Institute, Frau Zschoch dazu?
Aber es reicht ja nicht, das Russische Kulturinstitut aus dem Land zu vertreiben. Wurde nicht schon von einer FDP-Scharfmacherin und Europaabgeordneten gefordert, die Russen aus dem Land zu werfen? Die Trommler der Feindschaft gegenüber Russland Frau Strack-Zimmermann, die Herren Hofreiter und Kiesewetter tragen dazu bei, dass einige Russen schon sagen, sie fühlen sich in Deutschland wie die Juden 1933. Das ist nicht meine Aussage und Vergleiche hinken immer. Aber Hass wird geschürt, ein Feindbild mit Hilfe der sogenannten Qualitätsmedien aufgebaut, denn ohne Feind sind Waffen nutzlos und absurde Aufrüstung nicht mehr zu rechtfertigen. Institute der Völkerverständigung wie das Goethe-Institut sind da längst überflüssig. So erscheint die Schließung des Russischen Hauses in einem interessanten Zusammenhang.
Um so wichtiger sind gerade jetzt auch dutzende meiner Bücher, ich muss mich für die Eigenreklame nicht entschuldigen, die die die wirklichen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland in drei Jahrhunderten, die Kunst, Kultur und das Leben im größten Land der Erde zum Inhalt haben. Nicht als Idiot Putins, nicht als Schwachmat von Merz. Sondern als deutscher Schriftsteller, Europäer, wie es die Russen ja auch sind, und bekennender humanistischer Weltbürger, sachlich, kritisch und optimistisch wie immer.
Fotos: Autor, Archiv Hartmut Moreike, Zeitgeschehen
P.S. Gerade ist ein neues Buch fertig und wartet auf den Druck: "Verschollen in Sibirien - Briefe, die nie ankamen". Es wird es sehr schwer haben auf dem kontrollierten Büchermarkt, wie jetzt alle meine Bücher.






