Reisefreiheit - aber nicht mehr heute und nicht mehr überall hin

Ein sehr nachdenklicher Beitrag zum Internationalen Tag der Urlaubsplanung am 11. Januar.
Einst habe ich sie in unserer 17Millionen-Republik so manches Mal vermisst, die Freiheit, nach Paris zu reisen, die Schätze des Louvre mit der Mona Lisa von Leonardo da Vinci zu bestaunen oder auf dem Friedhof Père-Lachaise an Heines Grab ein paar Blumen vorbei zu bringen und den Malern auf dem Place du Tertre in Montmatre über die Schultern zu schauen. So sehr mich auch die Weiten Russlands, der Baikal und die Taiga gefangen nahmen, die Tretjakow-Gallerie in Moskau und das Ballett vom Petersburger Marinskij-Theater, ich wollte alles sehen. In Florenz die Uffizien mit der "Geburt der Venus" von Botticelli oder Raffaels "Madonna mit dem Distelfink", im Prado in Madrid den "Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch. Es war einfach nicht möglich, zu jener Zeit. 

Stacheldraht und Beton versperrten den Weg westwärts zu den Wünschen und vielleicht auch Träumen. Und als diese Zeit vorbei war, dank einer friedlichen Revolution, die keinen Anschluss an die Brüder und Schwestern im Westen zum Ziel hatte, sondern ein anderes Land, da habe ich nachgeholt, was mir gefehlt hat, nicht alles, dazu ist die Welt zu groß und die der Kunst ohnehin grenzenlos. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn in ihrem Schöpfertum ist sie unendlich wie das All und sie fesselt, begeistert und provoziert Generationen rund um den Erdball, lässt sich keine Fesseln anlegen. 

Nun, wo ich vieles woanders gesehen habe, packt mich wieder die Sehnsucht nach Moskaus stille Gassen im Schnee. Wie gern würde ich wieder eine Münze in den Baikalsee werfen und sie noch lange sinken und blinken sehen, im größten Süßwasser der Erde. 

Der Baikal, das "heilige Meer", dem ich ganze Kapitel meines ersten Buches "Sibirischer Sommer" beim renommierten Brockhaus-Verklag gewidmet hatte. Er ist UNESCO-Weltnaturerbe, der tiefste See der Erde.

Wie weit ist es mit der Zucht der Polarfüchse zu domestizierten Haustieren in Akademgorodok, dem sibirischen Wissenschaftsstädtchen, was gibt es neues vom Eifmann-Ballett in St. Petersburg, und wie weiß sind immer noch dort die Nächte im Juni und schließlich, ist meine Goldene Fahrkarte für freies Fahren auf der Transsibirischen Eisenbahn immer noch gültig?

Aber es fahren keine Züge mehr nach Moskau und es fliegen keine Jets nach St. Petersburg. Es gibt keine Reiseführer über Moskau und Sibirien in unseren Buchhandlungen, keine in Russland und der Welt gefeierte Sänger und Schauspieler auf deutschen Bühnen, die sich nicht von ihrer Heimat losgesagt haben, keine Meisterwerke des russischen Films in unseren Kinos. Bibliotheken mit Puschkins Namen werden umbenannt. Russland, das größte Land der Erde existiert einfach nicht mehr. 

Außer als Feind in den öffentlichen gleichtönenden Nachrichten oder den gleichklingenden Reden von Politikern, die uns weiß machen wollen, dass uns die Russen mit Krieg überziehen wollen und wir uns dafür rüsten müssen. Beweise, geheim. Hochrüstung auf Kosten des Sozialstaates, Kanonen statt Butter? Der Feind steht wieder im Osten. Ich würde gern erfahren, wie die Russen darüber denken und ob das alte Lied noch stimmt "Meinst Du, die Russen wollen Krieg?" nach dem Gedicht von Jewtuschenko. Ist Putin und Lawrow zu trauen, die versichern, und das mit völkerrechtlich verbindlichen Verträgen, den Westen und auch Deutschland nicht angreifen zu wollen?


UNESCO Weltkulturerbe, die Kathedrale des Heiligen Basilius in Moskau, die Zar Iwan IV. erbauen lies und die eigentlich "Kathedrale zu Mariä Schutz und Fürbitte zur seligen Heimkehr von Astrachan und Kasan in den heiligen Schoß der russischen Kirche" heißt.*

Ich Maße mir nicht im Entferntesten an, über den Stellvertreterkrieg der NATO in der Ukraine gegen Russland zu urteilen, der schon mit dem Maidan in Kiew begonnen hat. Nicht über das gebrochene Minsker Abkommen von Merkel und die selbsternannten Guten  und Kriegswilligen im Westen, auch nicht über die Friedenspläne des einen oder anderen. Nur eines weiß ich mit Gewissheit: Weder die deutschen, die ukrainischen oder die russischen Menschen wollen Krieg, wollten diesen Krieg. Darin unterscheiden sie sich von ihren Politikern, denen das egal ist und die von Freiheit reden und sie gleichzeitig beschneiden, auch im Denken. Und deshalb werden Grenzen gezogen, wird Reisefreiheit eingegrenzt, dass ein Austausch der Völker nicht stattfinden soll. Werden Städtepartnerschaften eingefroren, werden über Handel und Wirtschaft und sogar Journalisten Sanktionen verhängt, ein gegenseitiges Verstehen bewusst verhindert, das wechselseitiges Kennenlernen der Geschichte, der Kunst und Kultur, ein Verstehen von Mensch zu Mensch. 

Warum und wie lange noch lassen wir uns das noch gefallen? Das frage ich mich, sachlich, kritisch und optimistisch wie immer.

Fotos: Autor

* Die Geschichte über den Narren Wassilij und der Basilius-Kathedrale ist eine von achtzehn in meinem Taschenbuch "Moskau, meine Trauer", das zu meiner Freude immer noch auf Bestellung im Buchhandel und vor allem über das Internet erworben werden kann.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Wer fragt, der lernt, oder es ist Hopfen und Malz verloren (Achtung Satire)

Nur Ungereimtheiten um den geplanten Anbau für den SV 1908 "Grün-Weiß Ahrensfelde?

Vom Schmarotzer zum Helfer in der Not - Wende in der Berufswahl